Gedanken von Jacqueline zu Maddi's erstem Jahrestag

Morgen ist der erste Todestag meiner 2 Jahre jüngeren Schwester. Sie wurde letztes Jahr am 16. August an den Mandeln operiert, am 19.8. wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. Am Samstag, den 21. August ging es ihr so gut, dass meine Eltern ihr erlaubten, mit meinem Bruder, der damals 4 1/2 Jahre alt war, (meine Schwester war zu dem Zeitpunkt 14) bei meinem Onkel im Nachbarort zu schlafen, da dieser erst im März letzten Jahres das Haus gekauft hatte und eingezogen war und meine Schwester unbedingt einmal im Wasserbett meines Cousins schlafen wollte.
An diesem Samstag war durch Zufall fast die ganze Familie meiner Mutter zum Kaffeetrinken bei uns, zwei ihrer drei Brüder und ihre Eltern. Die Eltern meines Vaters waren ebenfalls dabei, das war aber nichts ungewöhnliches, da wir auf dem selben Grundstück wohnen, wo wir vor sechseinhalb Jahren ein Haus gebaut haben.
Als meine Schwester mit meinem Onkel, dessen Familie und meinem Bruder das Haus verließ, war ich mit irgendetwas "wichtigem" beschäftigt, sodass ich noch nichteinmal den Kopf hob, und ihr meine Aufmerksamkeit schenkte, als sie das letzte Mal "tschüss" rief. Wenn ich heute überlege, macht mir das immernoch zu schaffen.
Am nächsten Morgen, ich war abends davor hier in Wiesbaden auf dem Weinfest, wurde ich durch das klingeln meines Handys geweckt. Ich ging ran, mein Cousin war an der anderen Seite der Leitung. Er fragte mich, was mit meiner Schwester sei, sein Vater, mein Onkel, bei dem meine Schwester geschlafen hatte, habe ihn angerufen und gesagt, sie hätte Nachblutungen bekommen und sei daran gestorben.
Ich war sofort hellwach und ging in das Haus meiner Eltern, mein Zimmer ist im Haus meiner Großeltern. Auf dem Weg kamen mir meine Großeltern entgegen, die gerade aus der Kirche kamen, da an diesem Sonntag bei uns im Ort Kerb (Kirchweih) war.
Sie sagten, meine Eltern seien mit meiner Schwester im Krankenhaus, da sie in der Nacht Nachblutungen gehabt hatte.
Ich rannte in das Haus meiner Eltern und versuchte, meinen Vater anzurufen, doch er drückte mich weg und schaltete dann sein Handy aus. Später erfuhr ich, dass meine Eltern sich gerade von Maddi verabschiedeten, als ich anrief.
Danach rief ich meinen Freund an, sagte im, dass er kommen müsse, da irgendetwas mit meiner Schwester passiert sei, ich aber noch nicht genau wisse, was.
Als ich aufgelegt hatte, sah ich, dass mein Onkel, bei dem meine Schwester geschlafen hatte, durch den Hof lief und das Haus meiner Oma betrat.
Ich rannte sofort dort hin, als ich auf der Hälfte der Treppe war, hörte ich einen hellen Schrei meiner Großmutter und dass mein Großvater anfing, zu weinen. Ich ahnte, dass mein Cousin recht gehabt hatte -warum sollte er sich soetwas auch ausdenken, aber im ersten Moment hofft man immernoch, dass er das geträumt hat: Die Hoffnung stirbt zuletzt!
Das letzte Fünkchen Hoffnung erlosch, als ich die Küche meiner Großeltern betrat.
Mein Onkel sagte mir nicht sofort ins Gesicht, dass sie gestorben ist, aber ich wollte es hören...
Wir fuhren dann gemeinsam zu meinem Onkel, wo schon der Rest der Familie, außer ein Bruder meiner Mutter, der selbst schon zwei Kinder verloren hat, wartete. Dieser Onkel war mit seiner Frau bei meinen Eltern im Krankenhaus.
Ich weiß nicht, wie lange wir bei meinem Onkel waren, aber irgendwann rief meine Mutter an und sagte, dass sie jetzt nach Hause fahren würden und sie möchte, dass ihre Kinder zu ihr kommen. So kam es, dass die ganze Familie zu uns nach Hause fuhr. Dort war auch schon ein Großteil der Familie väterlicherseits eingetroffen.
Wir setzten uns in einem riesigen Stuhlkreis in den Hof, zeitweise waren wir ungefähr 50 Leute, und redeten über Maddi. Wir haben gelacht und geweint.
Nachmittags kam der Pfarrer, der meine Schwester zwei Monate vorher konfirmiert hatte und weinte mit uns.
Schon an diesem Nachmittag kam mir die Idee, meine Schwester in dem Grab meiner Urgroßeltern, die sie über alles liebte, zu begraben.
Am nächsten Tag war ich viel zu früh wach und ging eine halbe Stunde vor meinem eigentlichen Arbeitsbeginn in die Kinderarztpraxis in unserem Ort, in der ich am 1.8. meine Ausbildung angefangen hatte. Meine Kollegin, die ich schon lange kannte, da sie auch aus unserem Ort kommt, sah mich an und fragte, was ich dort wolle. Sie versuchte mich zu überzeugen, dass ich doch lieber nach Hause gehen solle.
Sie hatte sonntags schon von ihrer Schwester, die gut mit meiner Mutter befreundet ist, und von der früheren Auszubildenden der Praxis, die ebenfalls in unserem Ort wohnt, erfahren, dass meine Schwester gestorben ist.
Sie hatte gleich die beiden Ärztinnen und eine weitere Kollegin angerufen, um ihnen mitzuteilen, was passiert war.
20 Minuten nachdem ich in die Praxis gekommen war kam auch meine Chefin, die die Kinderärztin meiner Schwester war und dementsprechend geschockt war.
Sie sagte mir, dass ich jederzeit nach Hause gehen könne und auch die nächsten Tage nicht kommen müsse, wenn mir nicht danach sei, ich müsse nur kurz anrufen und Bescheid sagen.
Dafür bin ich bis heute sehr dankbar, denn ich weiß, dass nicht jeder Chef so reagiert hätte.
Ich blieb ab nachmittags für die nächsten 1,5 Wochen daheim.
Die nächsten Tage verliefen ähnlich wie der Sonntag.
Es war immer volles Haus, wir hatten alle vier gar keine Möglichkeit, uns in irgendeine Ecke zu verziehen.
Tags drauf ging ich gemeinsam mit meinem Freund und meiner besten Freundin zur Versammlung der Kerbegesellschaft eines Nachbarortes, in der ich zu dieser Zeit noch Mitglied war.
Das war ein sehr wichtiger Schritt für mich, ich zeigte dem Rest der Welt, dass ich okay bin.
Mittwochs rief der Gerichtsmediziner, der meine Schwester obduziert hatte, an und erklärte uns, dass die Nachblutungen in der Nacht, während sie schlief, begonnen hatten und sie es nicht gemerkt hatte. Sie wurde erst wach, als der Magen voll Blut gelaufen war, und sie dadurch erbrechen musste. Durch das Erbrechen, gingen die Wunden ganz auf und die Blutung war nicht mehr zu stoppen. Bei der Operation war nichts falsch gelaufen. Das Risiko, dass das passiert, ist 1:1.000.000!
Ihre Leiche wurde freigegeben.
Am Montag, den 30. August sollte ihre Trauerfeier stattfinden; wir hatten uns entschlossen, sie verbrennen zu lassen, da sie immer Angst vor allen Arten von Insekten hatte.
Beim anschließenden Trauerkaffee fragte mich der 1. Vorsitzende der Kerbegesellschaft, woher ich die Kraft nehme und erst da fiel mir auf, dass ich nicht so viel weinte, wie meine Eltern, schon die ganze Zeit. Ich hatte in der vorherigen Woche so oft gesagt bekommen, dass ich auf meine Eltern aufpassen müsse und für sie stark sein müsse. Mit der Zeit glaubte ich selbst daran.
Jetzt bin ich enttäuscht und wütend auf alle Verwandten und Bekannte, die mir diese oder ähnlilche Sätze gesagt hatten. Haben sie nicht gesehen, dass ich genauso leide? Dass ich noch das Leid zu tragen hatte, dass ich meine Schwester und mit ihr die beste Freundin, die man sich wünschen kann, verloren hatte.
Noch heute ist es besonders schwer für mich, soetwas zu hören. Letzte Woche waren wir im Urlaub im Sauerland. Als wir uns von meinen Großeltern verabschiedeten, sagte mein Opa zu mir, ich solle auf meine Mutter aufpassen. Ich sagte ihm, dass sie das schon selbst könne, darauf ging er gar nicht ein, sondern er wiederholte seine Aussage noch einmal.
Das tut so weh!
Ständig fragt mich jeder, wie es meinen Eltern geht oder meinem Bruder.
Merkt denn niemand, dass ich selbst trauere? Nur, weil ich versuche, nach außen so stark, wie möglich zu sein?
Ich vermisse sie jeden Tag mehr und die Stärke, die ich am Anfang hatte, lässt immer mehr nach, ich habe das Gefühl, zu verfallen.
Zu meiner Clique von damals habe ich fast keinen Kontakt mehr, seit mein Ex-Freund im Oktober die Beziehung beendet hat.
Ich dachte, sie wären echte Freunde, zum ersten Mal richtige Freunde gefunden zu haben, denn sie waren auch nach Maddis Tod viel für mich da, aber in Wirklichkeit war ich niemals mehr für sie, als die Freundin von...
Das zu begreifen war sehr schwierig für mich. Wieder war dieses Gefühl des Alleinseins da, das sowieso seit Maddis Tod von Tag zu Tag größer wurde.
Ich war es nicht gewohnt, allein zu sein, jemanden anrufen zu müssen, wenn es mir schlecht ging und nicht einfach zu ihr ins Zimmer gehen zu können.
Noch viel weniger war ich es gewohnt, allein in meinem Bett zu schlafen, mein Leben lang hatte ich mein Bett jede Nacht mit meiner Schwester geteilt, später dann mit meinem Freund, aber oft auch mit beiden, wir waren einfach unzertrennlich. Ich glaube, die Leute, die uns aus der Realschule kannten, kennen uns die letzten 1,5 Jahre nur zusammen.
Plötzlich war Maddi weg, dann war mein Freund auch noch weg und auf einmal hatte ich noch nicht einmal mehr Freunde. Gott sei Dank lernte ich zu dieser Zeit meine jetzige beste Freundin kennen.
Seit dem Frühjahr dieses Jahres baue ich neue Freundschaften. Viele dieser Leute kannte ich schon vor Maddis Tod und sie nehmen mich so, wie ich bin, obwohl ich mich im letzten Jahr verändert habe, ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Dank ihnen kann ich wirklich wieder richtig lachen und glücklich sein und wenn auch nur für Stunden die dunklen Wolken über mir vergessen.
Trotzdem bin ich noch nicht zufrieden, ich möchte einfach nur glücklich sein, ich möchte lernen, nicht nur zu weinen und zu trauern, wenn ich alleine bin...